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forum.planten.de  |  Pflanzen  |  Botanikforum (Moderatoren: Giuseppe, Blue)  |  Thema: Schwierigkeiten der Capsicum-Klassifizierung (Chilis, Paprika) 0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema. « vorheriges nächstes »
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Autor Thema: Schwierigkeiten der Capsicum-Klassifizierung (Chilis, Paprika)  (Gelesen 7560 mal)
badorties
Gast
« am: 15. Oktober 2002, 17:04:48 »

Offensichtlich ist die Unterscheidung anhand der Schotenformen bei Capsicum unzureichend, denn die Fruchtform allein als Unterscheidungsmerkmal heranzuziehen reicht nicht aus.
Ich bin kein Botaniker und von der Genetik habe ich nicht allzuviel Ahnung, aber habe das Buch Peppers of the World von Dave DeWitt und Paul Bosland gelesen, sozusagen Chilikoryphäen auf ihrem Gebiet. Sie haben für ihr Buch mehrere hundert Chiliarten aufgezogen und dokumentiert. Die fünf Hauptspezies unterscheiden sie wie folgt:
1. schwarze Samen, violette Krone (Korolla) = C. pubescens

Samen gelbbraun und
2. Korolla mit Punkten (Tupfern) = C. baccatum

Samen gelbbraun, Korolla weiß, ohne Punkte und
3. Blüten einzeln per Nodie und Staubfaden nichtviolett = C. annuum
4. Blüten zwei oder mehr per Nodie, Staubfaden violett = C. chinense


Samen gelbbraun, Korolla grünlich, ohne Punkte und
5. vereinzelte Blüten = C. frutescens
6. Blüten zwei oder mehr per Nodie = C. chinense

Ich habe selber noch nicht soviele Chilis auf einmal angebaut, kann aber aus meiner bescheidenen Erfahrung (3 Südfenster in der Wohnung, ansonsten Garten) nur bestätigen, daß dieser Identifizierungsschlüssel zutrifft. Die Autoren schließen aber Fehlbeschriftungen von Samen und ungewollte Hybride nicht aus.
Aus der gezielten Kultivation ergaben sich durch Kreuzungen die unterschiedlichsten Fruchtformen und, inbesonders bei dem sogenannten annuum-chinense-frutescens-Komplex, ein gemeinsames angestammtes Genreservoir.
C. cardenasii und C. eximium sind wohl eng verwandt mit C. pubescens, sind aber aufgrund ihrer geringeren genetischen Vielfalt nicht mit anderen Sorten zu kreuzen und sind zum Teil auf Kreuzbestäubung einer benachbarten Pflanze angewiesen um Früchte ausbilden zu können. (Pubescens ist übrigens die einzige(?) Sorte, die leichten Frost überleben kann).
Das baccatum ist mit dem microcarpum verwandt, und hat sowohl hängende als auch aufrechte Schoten und unterschiedliche Schotenformen.
Chinense-Schoten hängen meist wie die berühmte Habanero laternenartig von der Pflanze. Aber auch hier gibt es Züchtungen, die aufrechte Schoten haben.
C. frutescens kann man am besten unterscheiden, da seine Schoten die Eigenart besitzen, wie bei Wildformen der Chilis üblich, sich leicht von der Pflanze abzulösen. Eine Eigenschaft, die sie auch in der Kultivation behalten hat und erklärt, warum sich die Menschen in diesen Regionen eher auf die Züchtung von annuum und chinense konzentriert haben, die dort auch wachsen und deren Schoten auch nach der Reifung noch an der Pflanze verbleiben.
Chacoense und galapagoense, praetermissum und cardenasii gehören zu den Wildarten und treten zum Teil endemisch auf.

Dieser Beitrag ist hauptsächlich für Gregor geschrieben, der mir seine Anmerkungen dazu mitteilen wollte.
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Andi H.
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Andi H.
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« Antworten #1 am: 15. Oktober 2002, 21:17:52 »

Bin zwar nicht Gregor, aber: bitte nicht "Schoten" schreiben. Paprika sind schließlich Beerenfrüchte  Augen rollen
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Hans
Gast
« Antworten #2 am: 15. Oktober 2002, 22:18:04 »

Hallo badorties,

alle Pflanzenverrückte (ob Capsicum oder andere) sind hier erwünscht.  Zwinkernd
AndreH wollte dich doch nur darauf hinweisen, dass in deinem informativen Beitrag die Schoten botanisch nicht ganz korrekt sind.
War doch eigentlich als Hilfe gemeint. Betrachte es doch einfach als "Wieder etwas dazugelernt".

Auch wenn du deinen Beitrag nur für einen User geschrieben hast, so können doch alle darauf antworten. Zur Verzweiflung will dich bestimmt niemand bringen.  Smiley

Schöne Grüße
Hans
 
 
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Andi H.
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Andi H.
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« Antworten #3 am: 16. Oktober 2002, 01:35:17 »

Hi badorties: tut mir Leid, dass ich dich korrigiert hab. Ich hab das absolut nicht bös gemeint.

Zu meinen sonstigen Postings: ich habe auf deine Fragen geantwortet, so gut ich konnte. Lies das bitte noch mal nach.

Zum "Basilaris"-Thema: Wenn du den "Begriff Gehölze"-thread nochmal liest, wirst du sehen, dass ein Poster mit diesem Namen eine Frage gestellt hat, die ich dann auch beantwortet habe. Du bist schließlich nicht der Einzige hier. Ich bin wahrlich kein troll (= jemand, der andere grundlos anpöbelt), bitte verhalte du dich auch nicht wie einer. So hab ich zumindest deine Meldung zu meinem Geisteszustand verstanden. Danke übrigens  Ärgerlich  Ärgerlich  Ärgerlich
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badorties
Gast
« Antworten #4 am: 16. Oktober 2002, 09:32:00 »

Tut mir leid!
Bin zur Zeit mit Grippe im Bett (oder vor dem Computer), habe den Beitrag von Basilaris absolut übersehen, muß wohl das Fieber sein.... Ich dachte was faselt der denn jetzt über Stauden.
Jetzt ist alles klar!
Möchte vielmals um Entschuldigung bitten!
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badorties
Gast
« Antworten #5 am: 16. Oktober 2002, 09:55:02 »

Ich habe den Begriff Schoten verwendet, weil ihn DeWitt/Bosland auch als pods=Schoten benutzt haben und weil er in unserer Umgangssprache gebräuchlich ist. Ich habe nunmal ein kleines Problem mit dem Ausdruck "Paprikabeeren", wir sagen ja auch Glühbirnen und nicht -lampen.
Wenn man die Früchte der Wildformen der meisten Capsica anschaut (manche nur 0,5 cm im Durchmesser) würde der Ausdruck "Vogelbeere" natürlich am besten passen.
Aber mit der Bezeichnung von Capsicum-Spezies ist das so eine Sache, siehe Capsicum annuum oder chinense.
Die Engländer sagen Pfeffer, obwohl es mit piper nigrum nischt zu tun hat, die Portugiesen haben es Malagueta genannt, wahrscheinlich nach Aframomum melegueta, obwohl diese Pflanzen keinerlei Verwandschaft zur Chili aufweisen.
Also laß mir doch denn Ausdruck Paprikaschote, auch wenn er botanisch nicht korrekt ist.
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gregor
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« Antworten #6 am: 16. Oktober 2002, 11:42:16 »

Moment! Pods sind mitnichten nur Schoten, sondern ist allgemein für Schoten, Hülsen und Balgfrüchte, mitunter auch (nicht ganz richtig) für Kapseln in Gebrauch. Trotzdem stimmt es, für Paprika ist es unpassend. Aber als unbotanischer Ausdruck hat es mehr Berechtigung als die botanisch eindeutig definierte Schote.
Nochwas: Du verwendest Art und Sorte genau verkehrt. Die Autoren haben mehrere hundert Sorten gezogen, weil Arten gibt es nicht so viele. Arten sind C. pubescens, C. annuum etc., Sorten z.B. der ‘Habanero'.
Jedenfalls werd ich mir das Buch zulegen, weil mir einfach keine vernünftige Literatur bisher untergekommen ist. Die diakritischen Merkmale in diesem Schlüssel klingen aber nur zum Teil halbwegs brauchbar: Samenfarbe und Staubbeutelfarbe sind oft gute Merkmale, mit der Blütenzahl und -farbe ist das oft ein Problem. Das können unbrauchbare oder gute Merkmale sein, kommt auf die Gruppe an.
Zum Schlüssel: Korolla mit Tupfern heißt vermutlich mit Öldrüsen? Damit wäre C. baccatum wohl wirklich gut geschieden, wenn das die anderen Arten nicht haben. C. annuum und C. chinense wirken auf dem ersten Blick auch gut geschieden. Auf den zweiten jedoch: Wie ist das mit C. frutescens versus C. chinense? Welche Staubbeutelfarbe hat ersterer. Wenn bei ihm die Farbe wechselt, so ist die Staubbeutelfarbe zwische C. chinense und C. annuum vielleicht ein diakritisches (für Schlüssel geeignetes), aber kein diagnostisches (zur Unterscheidung von Arten geeignetes) Merkmal. Soll heißen: Damit ich sagen kann, zwei Arten sind voneinander geschieden, muß ich erst einmal die Gesamtheit der verfügbaren Merkmale beachten. Gibt es da eine Zäsur, die in mehreren Merkmalen übereinstimmt, so kann ich Arten trennen. Die Merkmale, die diese Arten eindeutig trennen, also in ihrer Gesamtheit die Arten eindeutig charakterisieren und gegenüber verwandten Arten eindeutig abgrenzen sind die sogenannten diagnostischen Merkmale. In einem Bestimmungsschlüssel verwende ich aber auffällige Merkmale (diakritische Merkmale), die auch diagnostische Merkmale sein können, oder auch nicht. Z.B. Korolla grün versus weiß ist kein diagnostisches Merkmal, weil bei einer Art variabel und daher zur taxonomischen Unterscheidung ungeignet. Es kann aber im Schlüssel gute Dienste leisten.
Was ich suche sind diagnostische Merkmale. Weil ich kann ja auch dort wo es keine Zäsur gibt, weil es mir schlüsseltechnisch in den Kram paßt, auch unterscheiden. Ich könnte die grünblütigen C. chinense willkürlich C. viridiflora nennen und nur die weißen C. chinense. Somit macht mich der Schlüssel nicht schlauer, wenn ich Zweifel hege, ob die Arten wirklich zu trennen sind. Blütenzahl, -farbe und Staubbeutelfarbe könnten variabel sein und somit diagnostisch unbrauchbar. Auch unbrauchbar sind klassische Merkmalskombinationen, die Wildpflanzen von Kulturpflanzen trennen (Frucht hinfällig versus Frucht bleibend, Fremdbefruchter versus autogam etc., einjährig versus holzig), weil diese Merkmale Domestikationserscheinungen sind, die auftreten, egal ob die Kulturform zur selben Art gehört wie die Wildform oder eine eigene Art bildet. Mir bleibt die capsicum-verwandtschaft undurchsichtig.
Für den gärtnerischen Gebrauch könnte es mir ja egal sein, aber da ich die Solanaceen für die Flora von Istrien übernommen habe, muß ich mich jetzt damit beschäftigen. Das ganze ist insofern noch etwas kompliziert, als die Sammelgattung Solanum keine sogenannte monophyletische gruppe, also keine einheitliche Abstammungsgemeinschaft bildet. Sie ist hochgradig paraphyletisch. Taxa (taxonomische Rangstufen: Art, Gattung, Familie etc.) müssen aber monophyletisch sein. Damit Solanum monophyletisch wird, muß ich entweder mit Sicherheit Lycopersicum, Cyphomandra und viele andere, vielleicht eben auch Capsicum einziehen und zu Solanum stellen. Oder ich zerschlage Solanum in monophyletische Kleingattungen, eben Lycopersicum, Cyphomandra und viele andere. So müßte für die Erdäpfel eine neue Gattung beschrieben werden, für die Kletternachtschatten (S. dulcamara, S. jasminoides etc.) und viele andere. Die Frage ist, was sinnvoller ist. Splitter (kleine taxonomische Einheiten befürwortende BotanikerInnen) und Lumper (große …) stehen da seit Jahren im Diskurs. Und oft sind sich die Leut selbst unsicher. So hat ein südamerikanischer Kollege in der ersten Hälfte der 90er Cyphomandra revidiert (also überarbeitet) und zwei Jahre später die Gattung dann eingezogen und zu Solanum gestellt. Die ganze Solanum-Verwandtschaft ist sehr undurchsichtig, von der Gattungs- bis zur Artebene. Und die Literatur leider weit verstreut und unbefriedigend.
Gerade bei Capsicum scheint die Unterscheidung der Arten eher traditionell als nach modernen taxonomischen Kriterien vorgenommen zu werden. Primärliteratur ist schwer zu finden, und gärtnerische Literatur - aus der bei anderen Gruppen oft sehr wohl interessante taxonomische Schlüsse gezogen werden können (etwa Pulsatilla vulgaris samt subsp. grandis versus P. oenipontana) ist in dieser Hinsicht erstaunlich unbefriedigend, wobei die gleichen Sorten verschiedentlich sogar unterschiedlichen Arten zugeordnet werden.
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d'Ehre
Grischa
badorties
Gast
« Antworten #7 am: 16. Oktober 2002, 14:12:49 »

Erstmal danke für die Antwort,
brauche als Nichtbotaniker erstmal eine Tasse Kaffee und einen molligen Platz um sie in Ruhe durchzulesen.
Bevor Du dir das Buch kaufst, es ist als Identifizierungsbuch gedacht, mit vielen Photos und wenig für dich als Botaniker interessanten Facts.
Paul W. Bosland lehrt an der NMSU in Las Cruces und hat diesbezüglich auch andere Bücher veröffentlicht, denn seine Fachgebiete sind Chilis, Gemüsefrüchte und pflanzenwissenschaftliche Genetik. Du findest e-mail und Tel unter http://aghort.nmsu.edu/Faculty/bosland.html . Dort gibt es auch einen Link zu seinen Publikationen, vielleicht findest Du da ja etwas für Dich geeigneteres.
Zum Thema Chilis findet sich dort auch der für alle Interessierten wundervolle Link http://www.chilepepperinstitute.org/ . Auf der Seite gibt es einige Infos zur Chili, natürlich auf Englisch, zu Anatomie, nahrhaften Inhaltsstoffen bis hin zu Aufzuchttips etc.
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badorties
Gast
« Antworten #8 am: 16. Oktober 2002, 16:56:50 »

Das mit den Sorten und Arten ist der Grund, warum ich schon in der Schule...
Im Buch steht zu den Punkten (spots) nichts genaues, sollten das wirklich Öldrüsen sein, habe ich wieder etwas dazugelernt.
Der im Buch verwendete Schlüssel ist also dann diakritisch (außer vielleicht das mit den pubescens-Samen, welches ein diagnostisches Merkmal sein kann, wenn es bei keiner andren capsicum-"Art" vorkommt).
Sowieso findet sich im Buch nichts zu irgendwelchen diagnostischen Merkmalen, also wird es Dir nicht besonders weiterhelfen. Und das obwohl jede der fünf bekannten "Arten" in kurzen Texten beschrieben wird, incl. zwei Kapitel über Wildarten und Chiltepíns (eine annuum-"Sorte" var.(?) oder Variation). Die Taxonomie wird nur erwähnt und aufgeführt und andere biologische Details sind wohl eher für interessierte Laien zusammengetragen.
Offensichtlich gibt es also keine eindeutigen diagnostischen Merkmale um die Spezies voneinander zu trennen. Wenn aber eine Kombination aller verfügbaren Merkmale dazu dienen könnte, eine Spezies genau zu definieren, würde es sich dann um ein diagnostisches Merkmal handeln? So gibt es grünliche Korollae zwar bei frutescens und chinense, aber da chinense mehr als eine Blüte per Nodie hat gilt diese Kombination dann nicht als diagnostisches Merkmal, wenn frutescens ausschließlich vereinzelte Blüten entwickelt? das heißt , wenn ja, es dürfte dann keine Ausnahmen geben, zB. daß frutescens mehrere Blüten entwickelt oder daß chinense ausnahmsweise nur eine Blüte per Nodie hat.
Für Deine Arbeit wird das dann aber sehr schwierig genaue Definitionen zu finden, da sich die Experten wohl schon seit Jahren streiten, ob es 23, 26 oder 33 verschiedene Spezies gibt. Da wird das ohne genetisch genau festgelegte Zuordnung wohl überhaupt nicht gelingen. Versuch es doch mal bei der Germplasm Resource in Maryland, die haben eine riesige Datenbank für Keimplasma  und ein Database System (Germplasm Resources Information Network), das pflanzengenetische Informationen verarbeitet.
Dahingehend ist das Buch sowieso sehr spärlich ausgestattet, auch wenn es nur für Laien ist, hätte ich mehr botanische Informationen erwartet als drinstehen. Aber es gibt einen kleinen Einblick in die Geschichte und eine Einführung in die Unterschiedlichkeit der Unterarten und zeigt auch Besonderheiten einiger Sorten.
Leider nur auf Englisch, da mein Englisch zwar Recht gut ist, aber sich bei der Übertragung von Fachbegriffen ins Deutsche doch einige Informationslücken auftun, vorallendingen was den Hintergrund angeht, darf ich Dich vielleicht in Anspruch nehmen, da ich inzwischen gemerkt habe, daß Deines auch ganz passabel ist.
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badorties
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« Antworten #9 am: 16. Oktober 2002, 17:58:07 »

Habe ein Bild von einer baccatum-Blüte gefunden.
Sind das Öldrüsen?
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gregor
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« Antworten #10 am: 17. Oktober 2002, 11:04:59 »

Aha, nein, das sind Farbflecken. In der Österreichflora hieße das gefleckt, nicht gepunktet.
Wegen der Diagnostischen Merkmale: Sicher geht es um die kombination. Aber wenn z.B. die Blütenfarbe variiert, die Staubbeutelfarbe auch, die Fruchtform bzw. ob hängend oder aufrecht, und die Zahl der Blüten das Einzige ist, was übrigbleibt, so ist das etwas mager um Arten zu unterscheiden. Wer sagt denn, daß dieses einzige Merkmal nicht innerhalb der Variationsbreite der anderen Arten liegt. Und genau das ist das Problem. Es wäre kein Problem gäbe es brauchbare wissenschaftliche Primärliteratur. Aber anscheinend dürfte von den vielen KollegInnen am ganzen amerikanischen Doppelkontinent, die sich mit Solanaceen beschäftigen (in Eurasien gibt es leider keine SolanaceenexpertInnen), niemand taxonomisch mit Capsicum arbeiten bzw. hat darüber publiziert Traurig Es wird mit den traditionellen Artbegriffen gearbeitet, ohne sie zu hinterfragen. Jetzt muß ich entweder bei der klassischen Taxonomie bleiben, oder selbst eine Bewertung vornehmen, wie ich das bei den anderen Taxa, die ich bearbeite, tue. Nur kenn ich mich bei denen aus. Die Solanaceen sind mir ja nur zufällig in den Schoß gefallen - auskennen tu ich mich nur bei Datura, und über die bin ich zu den Solanaceen gekommen - und daher zögere ich etwas. Ich vermutete, daß unter den C. annuum, die in Istrien bzw. im Kvarner adventiv auftreten, auch C. frutescens sind. Die Frage für mich ist die, ob ich sie Aufschlüsseln soll oder einfach C. annuum zuschlagen. Vorerst hab ich mich für letzteres entschieden, weil mir die Entscheidungsgrundlagen zu dürftig waren.
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d'Ehre
Grischa
badorties
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« Antworten #11 am: 18. Oktober 2002, 16:50:44 »

Nochmal ein paar Fragen zum Buch:
-Verstehe ich das richtig, daß bei dichotomen Blühvorgängen die Zahl der Blüten sich stets verdoppelt?
-Daß man Chiliblüten bei gewollten Kreuzungen mit anderen Sorten emaskulieren muß, um Selbstbestäubung zu verhindern?
-Daß sekundäre Metabolite von der Pflanze entwickelte Stoffe sind, die zur primären Lebenserhaltung nicht notwendig sind?
-Daß Landrassen (landraces) örtlich angepaßte Fruchtformen derselben Art (nicht Sorte!) sind und je nach Herkunft an diesen Orten häufiger auftreten als anderswo, bzw. nur dort auftreten?
-Außerdem wird in dem Buch der Gründereffekt (founder's effect) beschrieben. Soll bei der Domestizierung von C.pubescens vorgekommen sein, praktisch die Situation, wenn eine Neubesiedlung einer Pflanzenart durch wenige Individuuen entsteht, die nur einen kleinen Teil der genetischen Vielfalt der Elternpopulation tragen (soll der Hauptgrund für die Unkreuzbarkeit der pubescens mit anderen Arten sein). Was muß ich unter diesem Begriff verstehen?
-Darüberhinaus wird im Zusammenhang mit pubescens auf die Selbstunverträglichkeit (? self-incompatibility) der Spezies hingewiesen. Einige Pflanzen könnten ohne Früchte bleiben. Um Früchte produzieren zu können, soll der Pollen von anderen Pflanzen kommen müssen. Heißt das pubescens ist im Gegensatz zu den anderen Capsica kein Selbstbestäuber?
-Was in aller Welt heißt: Die meisten Habanero-Samen sind in den USA generisch? Nur, daß die Habanero-Samen in den USA nicht produktgeschützt sind oder hat das einen biologischen Hintergrund?
-Und wie würde man Heirloom Seeds übersetzen: Erbechte Samen?
« Letzte Änderung: 20. Oktober 2002, 14:24:42 von badorties » Gespeichert
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Andi H.
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« Antworten #12 am: 21. Oktober 2002, 15:36:36 »

Leider kann ich nur auf einige deiner Fragen (nämlich die nicht Capsicum-spezifischen) eine Antwort bieten:

- zum "dichotomen Blühvorgang": grundsätzlich ist der Modus der dichotomen Verzweigung so definiert, dass sich eine Sprossspitze in zwei "gleichrangige" Triebe verzweigt, diese teilen sich dann wieder etc. etc. Dies kommt vor allem bei evolutionär "alten" Pflanzengruppen vor, dazu beispielsweise die Grafik unter http://botit.botany.wisc.edu/courses/img/Green/Psilotum-copy.jpg
Eine dem dichotomen Wachstum sehr ähnliche Wuchsform, die bei Capsicum, einigen anderen Solanaceen und beispielsweise auch den Nelkengewächsen (Caryophyllaceae) vorherrscht, ist das Dichasium. Der Unterschied besteht nun darin, dass am Ende des Sprosses eine Blüte ausgebildet wird (das Wachstum also stoppt) und an deren Basis eine Verzweigung in zwei Seitentriebe hervorgebracht wird. D. h., wie du richtig vermutest, existiert zunächst eine Blüte (am Haupttrieb), die dann, vor dem nächsten Verzweigungsvorgang durch zwei neue Blüten ersetzt wird (also effektiv Verdopplung der Blütenzahl), siehe http://wwwdt.rz.uni-karlsruhe.de/~db21/dichasium_s.gif
Allerdings sind Dichotomie und Dichasium nicht synonym zu verwenden, auch wenn das in deinem Buch anscheinend so gehandhabt wird.

- zu den sekundären Metaboliten: genau, darunter fallen all jene Stoffe, die nicht aus dem "primären Stoffwechsel" (also Synthese von Kohlenhydraten durch Photosynthese und anschließende Energiegewinnung durch "Veratmen" derselben) stammen. Für die Lebenserhaltung sind sie nichts desto trotz von großer Bedeutung, in die Kategorie der sekundären Pflanzenstoffe fallen u. a. Lignine (zur Zellwandverstärkung), Giftstoffe (Alkaloide, Glykoside etc.), Hormone (ja, auch Pflanzen haben so was), Farb- und Duftstoffe und vieles mehr.

- zum "Founder Effect" (Gründereffekt): du kannst dir das so vorstellen, dass beim Gründen einer isolierten Population aus wenigen Individuen nur mehr ein kleiner Teil des ursprünglichen Genpools vorhanden ist (und damit ein Großteil der verwandten Genotypen nicht mehr verfügbar ist). Die weitere Entwicklung dieser "Gründer-Population" wird sich nun in eine völlig andere Richtung entwickeln als der Rest der ursprünglichen Population, da kein genetischer Austausch mit den "zurückgelassenen" Genotypen mehr möglich ist (Voraussetzung ist natürlich die Isolation der beiden Populationen voneinander).
« Letzte Änderung: 22. Oktober 2002, 13:40:16 von AndreH » Gespeichert
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« Antworten #13 am: 21. Oktober 2002, 17:29:33 »

Danke, Andre, ich kam noch nicht dazu (hab gestern übrigens zum ersten Mal in meinem Leben Marrubium peregrinum gefunden Zwinkernd ).
Zu dichotom hat ja Andre schon alles gesagt, wobei nur noch verdeutlicht werden soll: Verdopplung ist unrichtig. Eine Endblüte + 2 Seitenblüten = 3 Blüten. Hat jede Seitenblüte wieder Seitenblüten sind es 3 + 4 = 7. Hat jede der 4 letzten Seitenblüten sind es 7 + 8 = 15. Weiter gehz mit 31, 63, … wenn keine Verzweigung ausfällt, was ja passieren kann. Und endlich einmal eine Funktion in der Botanik die keine Fibonacci-Folge ist Lächelnd
Allerdings, Andre, auch scheinbar und anscheinend sind nicht synonym Zwinkernd zu verwenden.
Blüten selbstbestäubender Arten, wozu auch die Capsicum-Kulturarten gehören, müssen entmannt weden, um Selbstbestäubung zu verhindern, das ist richtig.
Wegen sekundärer Metabolite siehe Andre.
Landrassen sind lokale Sorten, die meist keinen Sortennamen tragen. Z.B. "Runder von der Großmutter", "besonders scharfer aus dem Nachbarort", "dem Huberbauern sei bester" oder nur "na der g'wöhnliche den wasma imma scho ghabt ham".
founder effect siehe Andre. Üblicherweise führt der aber nicht zu Sterilitätsbarrieren, nur über sehr lange Zeit hinweg. Prinzipiell kann mensch davon ausgehen, daß bei allopatrischer (geographisch getrennter) Artentstehung  Sterilitätsbarrieren sehr spät auftreten - wozu auch, ist eh niemand da zum kreuzen. Sterilitätsbarrieren zwischen verwandten Arten gilt als Indiz für sympatrische Artentstehung, also wenn die Arten nicht geographisch getrennt entstanden sind. Da founder effect nur bei der Gründung einer neuen, getrennten Population auftritt, kann das nicht ganz hinkommen.
Selbstinkompatibilität: C. pubescens dürfte demnach kein Selbstbestäuber sein. Schon die Blütenfarbe läßt darauf schließen.
Zu den letzten beiden Fragen weiß ich nichts.
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« Antworten #14 am: 21. Oktober 2002, 19:05:20 »

Da muss wohl der Grammatik mit mich durchgegangen sein...  Zunge

Glückwunsch zum Marrubium - bei meinen bisherigen Ausflügen ins Pannonikum ham sie sich anscheinend (scheinbar, hähä) immer erfolgreich vor mir versteckt...

Und zum Dichasium muss ich mich einfach noch äußern  Grinsend - ich hab die jeweilige Mittelblüte deshalb nit gezählt, weil sie i. A. bereits verblüht ist, wenn das nächste Paar aufblüht. Naja, meine Auffassung von Mathematik war immer schon sehr eigenwillig  Cool
« Letzte Änderung: 21. Oktober 2002, 19:10:36 von AndreH » Gespeichert
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