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forum.planten.de  |  Pflanzen  |  Obst-Forum (Moderatoren: Walther, thuja thujon)  |  Thema: Was bedeuten diese Fach-Begriffe aus der Obstbaumpflege? 0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema. « vorheriges nächstes »
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Autor Thema: Was bedeuten diese Fach-Begriffe aus der Obstbaumpflege?  (Gelesen 7827 mal)
Mephistopheles
Gast
« am: 28. Oktober 2006, 15:17:23 »

Hallo,
auf vielfachen Rat hin hab ich mir von Helmut Palmer "Der Notenschlüssel der Natur' beschafft.
Anbei eine kurze Auswahl aller unverständlichen Begriffe (nur die ersten 3 Seiten; die restlichen 200 hab ich mir noch gar nicht angesehen):

Äußeres Auge
Umkehraug-Verfahren
Augen ausbrechen
Abbinden
Umpfropfen
man schneide...länger (kürzer schneiden ist klar, aber länger schneiden?)
Astserie
Spitzpyramidal
Kombinations-Schnitt
Hauptast
Seitenast
Leitast
breiter schneiden
Schlitzast
Holzast
Abgedeckter Baum

Was meint der eigentlich mit diesen Begriffen?

Gruß
Mephistopheles



« Letzte Änderung: 30. Oktober 2006, 15:54:28 von Walther » Gespeichert
Baumpfleger
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Baum für Baum


« Antworten #1 am: 29. Oktober 2006, 09:13:47 »

Hallo Mephistopheles,
Helmut Palmer (wohl eher als Remstal Rebell) bei manchen im Stuttgarter Umland bekannt, hat seine eigene Schnittweise für die Pflege und Erhaltung von Obstbäumen (Streuobstwiesen) entwickelt, praktiziert und auch gelehrt. Dass dieser Rebell öfters auch vor den Kadi gezogen wurde, weil er private Bäume gefällt, zerschnitten und mishandelt hat ist das eine, seine Schnittkurse besser gesagt Vorführungen waren für einen Kundigen aus politischer Sicht her ein wahres Vergnügen, fachlich teils fragwürdig.
Dein angefragtes Chinesisch bezieht sich auf den Schnitt von Obstbäumen, mit Augen sind die Knospen gemeint,Umpfropfen ist veredeln,Spitzpyramidal die Kronenform,... Also alles eigentlich Standardbegriffe aus der Baumpflege
Gruß Klaus
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Pflaume
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« Antworten #2 am: 30. Oktober 2006, 07:34:08 »

Hallo M.,

nein, leider kann ich diese Standardbegriffe der Baumpflege, wie Baumpfleger richtig schreibt, nicht ins Chinesische übersetzen.
Schriftlich nicht, weil ich in meinem Computer die chinesischen Schriftzeichen nicht geladen habe, mündlich nicht, weil ich die 4 bzw. regional 6 verschiedenen Tonhöhen nicht beherrsche.
Ist irgendwie wie im thailändischen, Du kennst doch sicherlich den schönen Satz: may may may may (neue Seide brennt nicht).

Äußeres Auge
Gegenteil von inneres Auge

Umkehraug-Verfahren
hier wird im Gegenteil zum allgemeinen Standard auf ein inneres Auge  geschnitten, wird in manchen Veröffentlichungen, z.B. der Uni Hohenheim, auch als Palmerschnitt bezeichnet

Augen ausbrechen
die falsch stehenden Knospen werden entfernt

Abbinden
wenn man, aus welchen Gründen auch immer, den zu steil stehenden Zweig nicht entfernen will, wird dieser mit Weiden, Schnüren, Spreizhölzern, Gewichten oder was auch immer in die richtige Lage gebracht

Umpfropfen
veredeln

man schneide...länger (kürzer schneiden ist klar, aber länger schneiden?)
die gängige Lehre besagt ein Austrieb eines Leitastes soll auf 3 Scherenlängen eingekürzt werden. Durch langes Anschneiden, also indem man nur die Spitze wegnimmt, kann man, sofern man die falsch stehenden Knospen entfernt, einen wesentlich harmonischeren und besseren Baumaufbau erzielen und dabei Jahre der Entwicklung sparen.

Astserie
Serie von Ästen

Spitzpyramidal
Gegenteil von Breitpyramidal (die gängige Lehre empfiehlt einen Baum pyramidal, also wie eine Pyramide zu schneiden)

Hauptast
Leitast

Seitenast
Ast 2. Ordnung

Leitast
Ast 1. Ordnung

breiter schneiden
man schneidet einen Baum so, daß er statt in die Höhe in die Breite geht

Schlitzast
Äste die in einem Winkel von über 60 Grad vom Stamm abgehen.
Bei ihnen ist oberhalb des Astes in der Astgabel zu wenig Platz für Rinde und Holz, hierdurch wächst Rinde in das Holz ein, Ergebnis ist eine Kerbe im Holz an der Oberseite des Astes. Wird dieser Ast später durch Sturm oder Vollertrag zu stark belastet, reißt an dieser "Sollbruchstelle' der Ast ab und reißt oft bis in ein Drittel des Stammes hinein ab. Das ist meist das Ende für den Baum.

Holzast
wird z.B. verwendet um einen Ast zu benennen, der steil steht und deshalb sehr stark wächst (Holz produziert) und kaum oder keine Blüten bzw. Früchte ansetzt

Abgedeckter Baum
wenn jemand einen Baum schmal schneidet, so geht ein gesunder und wüchsiger Baum in der Mitte durch.
Viele Laien wissen sich dann nicht mehr anders zu helfen, als die Mitte herauszuschneiden und auf die dann zu oberst stehenden Äste abzuleiten, was natürlich nicht gut geht.

@Baumpfleger
interessant, ich kenne zwar Fälle wo Palmer einen zu schwerst mißhandelten Baum, ohne den Besitzer zu fragen, so gut es fachlich möglich war wieder in Form brachte, aber daß er Bäume mißhandelte ist mir neu, hast Du da Fotos?
Zu fachlich fragwürdig: was meinst Du damit?
Die meisten seiner rebellischen Praktiken sind, ob Palmerschnitt oder Kelchschnitt, veredeln auf mindestens 5 Augen, Langschnitt etc. heute sogar wissenschaftlich anerkannt, was erstaunlich ist, bedenkt man, daß die Profs damals ziemlich sauer waren, als Palmer ihnen regelmäßig Inkompetenz, Unfähigkeit, Borniertheit, Verschwendung von Steuermitteln etc. vorwarf.

Grüße
Pflaume

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Credo, quia absurdum - Tertullian
Mephistopheles
Gast
« Antworten #3 am: 05. November 2006, 19:51:42 »

Danke an alle für die Erklärungen.
Das hätte ich nicht gedacht, als ich das erste Obstbäumchen pflanzte, dass dafür ein abgeschlossenes Studium der Pomerologie erforderlich ist; aber es ist nie zu spät, um dazuzulernen.  Lächelnd

Was ich jedoch noch nicht herausgefunden habe: Wann ist eigentlich die beste Jahreszeit, um Apfelbäume, Kirschen, Haselnussträucher, Hartriegel, Johannisbeersträucher zu beschneiden?

Gruß
Mephistopheles
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Pflaume
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« Antworten #4 am: 06. November 2006, 16:04:56 »

Wann ist eigentlich die beste Jahreszeit, um Apfelbäume, Kirschen, Haselnussträucher, Hartriegel, Johannisbeersträucher zu beschneiden?

Da gibt es unterschiedliche Ansichten, die auch hier in diesem Forum diverse Male vorgebracht und diskutiert wurden.

Meiner persönlichen Ansicht bzw. Erfahrung nach ist der Winterschnitt für Apfelbäume, Kirschen das Richtige. Dies bedeutet bei Apfelbäumen bei mir Anfang, bei Kirschen Ende März.
Je nach Höhenlage (bei mir ca. 550 MüNN) verschiebt sich dieser Termin evtl. etwas.

Bei Süßkirschen auf ungeeigneten, zu Staunässe neigenden Böden, kann es beim Winterschnitt zu Gummifluß kommen. Man kann dann den Sommerschnitt wählen, ich persönlich würde sie dann im Normalfall fällen, da wird in der Regel sowieso nichts vernünftiges daraus.

Wer aber nicht in der Lage ist seine Bäume so zu schneiden, daß er sie noch unter Kontrolle hat, der bevorzugt den Sommerschnitt, also Ende Juli, denn dadurch entzieht er dem Baum große Mengen an Reservestoffen, die ihm dann beim Neuaustrieb im Frühjahr fehlen.

Zu den anderen Genannten gibt es sicherlich hier im Forum jede Menge Leute, die damit mehr Erfahrung haben als ich.

Grüße
Pflaume
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Credo, quia absurdum - Tertullian
eremurus
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Naturraum 102, Klimazone 7b


« Antworten #5 am: 06. November 2006, 19:08:44 »

Hallo, Mephistopheles,
ich stand auch schon mit Fachbüchern in der Hand vor meinen Apfelbäumen und habe nur "Bahnhof" verstanden. Weil einfach die Zeichnungen in den Büchern nicht mit den Ästen meiner Bäume übereinstimmten!!! Daher mein Tipp: die meisten Landratsämter bieten im Winter Baumschnittkurse an. Da bist du vielleicht besser beraten - obwohl es mir nicht verkehrt erscheint, wenn man von den Fachbegriffen, die dort sicher auch fallen, eine gewisse Vorstellung hat!
Bei meinen Apfelbäumen(Niederstamm) schneide ich nicht auf Ertrag sondern breche die noch jungen Triebe im Frühjahr/Sommer aus, die in die Kronenmitte wachsen oder sich später mit anderen Ästen kreuzen würden. Das Ausbrechen hat zur Folge, dass sich im Astring befindende Ersatztriebe nicht bilden können.
Meine Haselnuss schneide ich ebenfalls nicht auf Ertrag, spiele aber mit dem Gedanken, sie im Frühjahr auf Stock zu setzen, weil sie langsam riesig wird.
Die Kornelkirsche wird nur im unteren Bereich von nach unten wachsenden Ästen befreit, das Rasenmähen ist sonst auf meinem Hanggrundstück Schwerstarbeit (in gebückter Haltung mit einer Hand den Rasenmäher dirigierend).
Die Johannisbeersträucher lichte ich im Frühjahr aus, die Alpenjohannisbeere (die Bezeichnung "Zierstrauch" finde ich hier übertrieben!)setze ich allerdings z.Z. auf Stock, damit sie im Frühjahr wieder schön austreiben kann. Die Blutjohannisbeere schneide ich alle vier bis fünf Jahre nach der Blüte bodennah zurück.
Gruß, Eremurus
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Baumfex
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« Antworten #6 am: 11. November 2006, 18:01:09 »

Ich war einmal Zeuge einer Palmer'schen "Baumfällung". Er hatte damals die etwa 3-jährige Krone eines Jakob Fischer Hochstamms komplett abgesegt und zwar direktunterhalb der Krone. Wie man den Baum hätte besser behandeln sollen weiß ich nicht, denn die Krone war ein regelrechter Murks aus gekappten Schlitzästen ...
Der Baum gehörte der Gemeinde und wurde kurz darauf durch eine Neupflanzung ersetzt ...
Wie solche Bäume in den meisten Fällen nach wenigen Jahren aussehen, davon kann sich jeder fachkundige selbst überzeugen ...

Gruß
Baumfex
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Mephistopheles
Gast
« Antworten #7 am: 11. November 2006, 19:45:28 »

Hallo Baumfex,

irgendwie erinnert mich das an eine Geschichte von einer neuen wissenschaftlichen Entdeckung aus der Medizin, die vor einigen Jahren durch die Medienwelt rauschte.
Es sei eine sensationelle Entdeckung gelungen über ein neues Organ im weiblichen Körper, ich glaube, es war der G-Punkt, dessen Vorhandensein erst den weiblichen Orgasmus ermögliche.

Ein Freund und ich staunten uns an und standen vor einem Rätsel, bis ihm die Frage einfiel:
Du sag mal, wie lange wird eigentlich schon Anatomie betrieben? Das sind doch Jahrhunderte. Sollten die menschlichen Organe nicht irgendwann alle bekannt sein?
Daran musste ich denken, als ich deinen Kommentar las:

Wie solche Bäume in den meisten Fällen nach wenigen Jahren aussehen, davon kann sich jeder fachkundige selbst überzeugen ...

Gruß
Baumfex

Ich gebe dir zwar durchaus recht, dass man seinen Horizont in den Wäldern eher erweitern kann als aus Büchern, und dass uns Hölzer und Steine das lehren, was wir von den Professoren nicht hören werden.

Aber dieses Rätsel bleibt für mich dennoch ungelöst:
Wie viele Jahrtausende wird eigentlich Obstbau betrieben? Sollte die richtige Methode der Baumbeschneidung nicht irgendwann allgemein bekannt und akzeptiert sein?

Gruß
Mephistopheles
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Baumfex
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« Antworten #8 am: 12. November 2006, 12:23:27 »

Parallelen zur Medizin sind sicher vorhanden. Und welcher Arzt ist nun der beste? Derjenige mit vollen Wartezimmern, weil die Patienten immer wieder kommen?
In der Schulmedizin ging viel traditionelles Wissen verloren und im Streuobstbau wegen wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit und Zeitmangel bzw. Desinteresse der Besitzer auch. Den Baumschnitt gibt es definitiv nicht. Das Ergebnis zählt, zumindest bei langlebigen Baumformen. Hier kommt es auf die Baumstatik an, denn so ein Baum braucht erst mal 10 Jahre Anlauf bis er vernünftig trägt, da ist nichts mit kurz mal Baum nachpflanzen nach Sturm- oder Ertragsbruch. Im Intensivobstbau ist das anders ...

Baumfex
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Mephistopheles
Gast
« Antworten #9 am: 14. November 2006, 11:22:56 »

Parallelen zur Medizin sind sicher vorhanden. Und welcher Arzt ist nun der beste?
Baumfex
Kein Arzt ist das Beste, ist der Mensch erst mal über die erste Kindheit hinaus.
Artgerechte Ernährung und vor allem viel Bewegung und die Natur hilft sich selbst.
Vielleicht gilt das auch für Bäume?
Mitteleuropa ist eigentlich Obstbaumland, die artgerechte Umgebung ist also da; was passiert, wenn man nach der Veredelung gar nichts  macht?

Gruß
Mephistopheles
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Baumfex
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« Antworten #10 am: 14. November 2006, 16:24:36 »

was passiert, wenn man nach der Veredelung gar nichts  macht?

Das ist etwa so (leicht übertrieben), wie wenn Du ein Zuchtschwein im Wald aussetzt. Mit viel Glück wird es alt, normalerweise aber eher nicht.
Obst wurde gezüchtet und ist teils groß und schwer, was passiert wenn Du nichts machst, kannst Du in den württembergischen Streuobstwiesen sehr gut beobachten, vor allem nach Sturm und hohen erträgen. Beachte aber daß diese Bäume früher regelmäßig gepflegt wurden und nicht schon immer so aussahen ..

Baumfex
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